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Professor Gottfried Böckelmann

09. 03. 2020

Professor Gottfried Böckelmann
Ehrenmeister der Drechsler

 

Am 29. Januar 2020 verstarb unser Ehrenmeister und langjähriges Vorstandsmitglied Prof. Gottfried Böckelmann.
Er war nicht nur ein herausragender Ausbilder, sondern selber auch ein sehr erfolgreicher Kunsthandwerker und Designer. Seine Arbeit ist national und international anerkannt. So findet man Arbeiten in namhaften Museen u. a. in Berlin bei der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und im Kunstgewerbemuseum, in Bremen im Landesmuseum und im Fockemuseum, in Frankfurt / Main im Museum für Kunsthandwerk, in Hannover im Kestner Museum, aber auch in den USA. In Philadelphia im Historymuseum und im Wood Turning Center.

 

Seine Arbeiten, das Engagement für das Drechslerhandwerk und das Kunsthandwerk sowie sein unermüdlicher Einsatz in der Aus- und Weiterbildung von Auszubildenden, Gesellen und Meistern zeigen hohe Anerkennung in der Öffentlichkeit und der Politik, wie die Auszeichnungen beweisen.
Die Erfolgsserie startete bereits im Jahr 1959 mit dem Niedersächsischen Nachwuchspreis für das Gestaltende Handwerk, den er 4 Jahre nach bestandener Meisterprüfung erhielt. 1961 kam schon der Bayrische Staatspreis dazu, gefolgt 3 Jahre später vom Niedersächsischen Staatspreis für das Gestaltende Handwerk. Auch das Land Baden-Württemberg ehrte ihn unter Anderem mit einer Auszeichnung vom Landesgewerbeamt (1969). 1980 erhielt er in Bonn das Goldene Handwerkszeichen und in Hannover das Verdienstkreuz am Bande des Niedersächsischen Verdienstordens. 1988 würdigte ihn unser Bundesverband mit dem Ehrenzeichen des Deutschen Drechslerhandwerks. Gekrönt wurde sein Schaffen zwei Jahre später mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse.

 

Er war auch Autor mehrerer Bücher, die sich in erster Linie mit der Produktgestaltung befassten. Erfolgreich war auch sein „Handbuch Drechseln“, welches 2000 auch in den Niederlanden und in Norwegen erschien.

 

Geboren wurde Gottfried Böckelmann am 20.01.1930. Der wohl einschneidendste Lebenseingriff war 1945, als seine Eltern enteignet wurden und er mit seiner Familie das Rittergut Kleinottersleben bei Magdeburg verlassen musste, wo sie 670 ha Ackerland bewirtschafteten. Nach der Flucht nutzte er Gelegenheitsarbeit um die Familie zu unterstützen. Er machte seine Ausbildung zum Drechsler, absolvierte 1954 eine Ausbildung an der Werkkunstschule, wofür er den Abschluss zum Dipl. Designer erhielt und ein Jahr später die Meisterprüfung im Drechslerhandwerk bestand.
1949 besuchte er den ersten Drechslertag in Bonn. 1956 / 57 gründete er an der Werkkunstschule in Hildesheim die Abteilung für die Drechsler. Dort hat er bis 1995 einen Lehrauftrag, bzw. eine Professur und somit 43 Jahre lang junge Drechslerinnen / Drechsler und Designerinnen / Designer ausgebildet.
Zum 100 – jährigen Bestehen des Verbandes (der Verband ist der älteste kontinuierlich bestehende Handwerksverband) hielt er 1979 in Nürnberg den Festvortrag.
Von 1956 bis 2010 hat er an jedem Verbandstag teilgenommen.
1962 wurde er in den Verbandsvorstand gewählt und behielt das Amt bis ins Jahr 2006 – faszinierende 44 Jahre.
In dieser Zeit hatte er ständig um den Erhalt des Verbandes gekämpft und ich kann mit Sicherheit sagen, ohne Gottfried Böckelmann gäbe es den Verband nicht mehr, zumindest nicht in dieser Form.
Auch die Erfolge der letzten Jahre, wie die Aufnahme in das Bundesdeutsche Immaterielle Kulturerbe, sowie die „Rückvermeisterung“ der Drechsler in diesem Jahr (das Gesetz trat 14.02.2020 in Kraft) wäre ohne seine Vorarbeit und die Ausbildung, die wir bei ihm genossen, nicht möglich gewesen.
Eine seiner Begabungen war, dass er zwischen den Zeilen las und hörte. Wenn er dann die Handwerkspolitiker und Politiker direkt darauf ansprach, brachte er so Manchen in eine missliche Lage.
Als gewähltes Mitglied im Hauptausschuss Kultur des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks hatte er oft frühzeitig Dinge erfahren, die er dann von unserem Verband fernhalten konnte, sofern sie negative Auswirkungen hatten.


Regelmäßig besuchte er die Kölner Möbelmesse, worüber er dann auf den Drechslertagen berichtete. Das Unerwartete war, dass er in den Vorträgen nicht über die Dinge die er sah erzählte, sondern dass er eine Vorschau gab, was sich in den nächsten Jahren auf dem Markt entwickelte. Dadurch hatte er uns Drechsler darauf vorbereitet und wer wollte, konnte die eigenen Produkte und Materialauswahl schon langfristig darauf einstellen – und das traf er mit verblüffender Sicherheit.
Um die Ausbildung der Auszubildenden, Gesellen und Meister hat er sich mit außergewöhnlich hohem Einsatz engagiert. Mir ist aus anderen Gewerken Ähnliches nicht bekannt. Er organisierte überbetriebliche Lehrgänge für alle Auszubildenden aus ganz Deutschland (alle drei Lehrjahre) in der Werkstatt und den Unterrichtsräumen der FH – Hildesheim. Diese fanden grundsätzlich an Wochenenden statt. Sein Unterricht war bildhaft, themenübergreifend, sehr hintergründig, und was mich persönlich fasziniert hat, er unterrichtete uns Handwerker genauso wie seine Studenten. Das legte so manches Mal bei mir mein Bildungsdefizit offen, was mich anspornte, die Lehrgänge zu Hause nachzubereiten. Aber ich glaube, das war sein Ziel.

 

Ich denke, so ging es vielen von uns. Dadurch wurden selbstbewusste Gesellen und Meister geformt, die auch heute noch ihren Mann / Frau stehen. Pädagogisch sehr vorausschauend.
Die Meisterkurse fanden in ähnlicher Form statt, dann aber mit der Dauer von zwei Wochen in den Semesterferien. Er opferte für unsere Aus – und Weiterbildung der Drechsler immer die Zeit mit seiner Familie. Seine Schüler haben außergewöhnlich viele Preise gewonnen und wenn ich mir die Lebensläufe der Meister so ansehe, steht dort immer mit Stolz „Meisterschüler bei Prof. Böckelmann“ – das ist zu einer Marke geworden.
2011 konnte Gottfried Böckelmann krankheitsbedingt erstmals nicht am Drechslertag teilnehmen. Er schickte mir seine Zeilen, aus denen ich folgende zitieren möchte:
„Nehmen Sie alle meine Hoffnung mit, unser Handwerk zu erhalten und alles zu tun, um als Vollhandwerk eine wunderschöne unverwelkte Blume im Strauß des Deutschen Handwerks zu bleiben.“
Wir werden es versuchen!
Mir werden die regelmäßigen Telefonate, die Briefe fehlen, die klugen Gedanken, die freundschaftlichen Hinweise, die persönlichen Worte, der verschmitzte Humor.
Und trotzdem wird Gottfried Böckelmann mich weiter begleiten, wie er so viele von uns begleitet hat.

 

Walter Hoppe
Bundesinnungsmeister

 

 

 

Foto: Bildquelle: Familie Böckelmann